Der wohl häufigste Irrtum in der Reiterwelt ist, dass zu jedem Pferd grundsätzlich auch ein Sack Pferdefutter gehört. Unüberlegte Fütterung führt zu vielen Problemen denen dann zwar mit einer "Symptom-Behandlung" beigekommen wird, die Ursache ist jedoch meist im Fütterungsmanagement zu finden.

 

Das Pferd ist ein Faser- Fresser und -Verdauer. Es entstammt ursprünglich den Waldlandschaften und ernährte sich von Pflanzenfasern jeder Art bis hin zur holzigen Rinde von Bäumen. Über die Dauer von 55 Millionen Jahren weitete das Pferd seinen Lebensraum auf Grasebenen und Steppen aus und passte sich seiner natürlichen Umgebung perfekt an.

Der sehr lange Verdauungstrakt des Pferdes ermöglicht es ihm aus noch so karger Nahrung seine Nährstoffe zu ziehen und zu nutzen. Das Pferd ist ein hervorragender Faserverwerter und kommt in der Rangliste der besten Futterwerter gleich nach dem Hasen auf Platz 2.

Da die in seinem Lebensraum vorkommenden Fasern eben anders als heute meist arm an Nährstoffen waren, war das Pferd auf einen langen Zeitraum der Futteraufnahme angewiesen, um den Energiebedarf zu decken. Aus diesem Grunde bleibt Faser aus Heu, Gras und Stroh die Basis der gesunden und natürlichen Pferdeernährung und muss in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Ein unnötiges Rationieren dieser lebenswichtigen Grundlage führt langfristig zu gesundheitlichen Problemen. Der Magen des Pferdes produziert ohne Unterlass Magensäure um die normalerweise ständig zugeführte Nahrung zu verarbeiten. Wird zu wenig Faser gefüttert drohen Magengeschwüre. Und auch nur ein ständig geforderter Darm arbeitet korrekt – ein wichtiger Punkt bei Koliken und anderen Verdauungsstörungen.
Das Pferd kann von Natur aus seinen normalen Energiebedarf aus Pflanzenfasern decken. Selbst einstündiges Freizeitreiten kann in den meisten Fällen noch keine Getreidebeifütterung begründen. Das Pferd hat schlichtweg genug Zeit, diese verbrauchte Energie durch "Heufressen" wieder nachzuholen. Früher war das Pferd jedoch über viele Stunden des Tages in Arbeit und man brauchte eine Kompakte Energiequelle, um das Pferd leistungsfähig zu halten. Hier bot sich dann Hafer als ideales Beifutter an. Grundlage aber war immer Heu und Kaff, ein Strohhäcksel, denn der Getreideanbau diente in erster Linie der Ernährung des Menschen. Getreide überhaupt ist noch eine sehr junge Entwicklung von etwa 9000 Jahren, was sind das schon gegen die 55 Millionen Jahre des Pferdes. Wenn überhaupt, dann bot die Natur dem Pferd nur Grassamen – mehr nicht. Wir haben zwar ständig neue Pferdetypen in Bezug auf Aussehen und Leistung gezüchtet, aber das Verdauungssystem haben wir nie verändert.

Auch die heutigen Wiesen entsprechen nicht mehr der Vorgaben der Natur. Welch ein Unterschied der Pflanzen, waren es früher blattreiche Pflanzen und Kräuter, zarte Gräser und Triebe junger Bäume, so sind es heute meist hochleistungsfähige Weidegräser die daraus ausgelegt sind, Milchvieh zu mästen und die Milchproduktion zu steigern. So kommen also die hervorragenden Futterverwerter namens "Pferd" auf meist völlig ungeeignete Power- Grünflächen und werden zu dem von ihren Besitzern mit einer erstaunlichen Vielfalt an Getreiden zugefüttert, weil der Besitzer sich meist mehr mit dem Pferdefutter identifiziert als mit der Biologie seines geliebten Pferdes.

Was tun, wenn die Faseraufnahme nicht reicht, um den Energiebedarf des Pferdes zu decken?

 

Zunächst einmal soll klar sein, was das Pferd leisten soll. Es gibt viele Möglichkeiten, über die Ernährung die Leistungsfähigkeit des Pferdes zu beeinflussen – sowohl im positiven als auch im negativen. Jede Form von Faser liefert dem Pferd langsam freigestzte Energie. Das ist generell für alle Pferde gut, besonders wünschenswert aber auch bei Ausdauerpferden, alten Pferden oder aber auch in der Dressur. Je nach tatsächlichem Energiebedarf kann aber auch weitere langsam freigesetzte Energie in Form von Ölen zugesetzt werden. Öle werden von Pferden sehr gut vertragen, bei manchen Erkrankungen sind diese auch die einzige Energiequelle außer Heu und Gras, z.B. beim PSSM, einer Stoffwechselkrankheit die zu Verschlagssymptomen führt. Schnell freigesetzte Energie bekommt das Pferd aus Getreide. Dessen Kohlenhydrate Stärke und Zucker werden zu Glukose umgewandelt und steht den Körperzellen schnell zur Verfügung. Dies ist bei Spring- und Rennpferden ein absolut erwünschter Effekt. Leider birgt das Getreide bei einer Fütterung über den tatsächlichen Bedarf hinaus auch viele Gefahren für die Gesundheit. Glukose aus Stärke und Zucker, die nicht direkt verbraucht wird, geht zur Leber und wird dort in Fette umgewandelt, die dem Pferd als Energiespeicher für karge Zeiten dienen. Schlicht gesagt: Das Pferd wird fett. Wird eine solche Fütterung über einen längeren Zeitraum durchgeführt, kann es zum Anlaufen der Beine (Leberreaktion), Sommerkezem (in vielen Fällen durch zu viele Kohlenhydrate, auch aus Gras) oder sogar dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) einer Art Diabetis Typ 2 beim Pferd kommen. Es entwickelt sich – meist ohne erkennbaren Anlass) eine Hufrehe.

Leider verwechseln viele Reiter einen fetten Hals mit zum bersten gefüllten Fettdepot mit Muskulatur. Aber im Mähenkamm des Pferdes befindet sich kein Muskel….Es wäre auch neu, wenn man mit einer übermäßigen Kohlenhydrataufnahme Muskeln bilden wäre, schön wäre es sicher, funktioniert aber nicht. Für den Muskelaufbau sind Aminosäuren wichtig, denn die braucht der Körper, um Gewebe aufzubauen, zu reparieren oder zu erhalten. Auch dafür hat die Natur einiges zu bieten. Soja und Alfalfa liefern diese Aminosäuren in einem für das Pferd geradezu idealen Muster.

Genau genommen sind zwei Dinge absolut notwendig, um das Pferd leistungsfähig und gesund zu halten: Ausreichend Faser und die Deckung des Nährstoffbedarfs.